Historische Gebäude

Der "Hohentwiel"

Otto Haußmann auf den Spuren des berühmtesten Gebäudes von Oberboihingen - Woher stammt die Bezeichnung "Hohentwiel" ?

Foto vom Hohentwiel

Das alte Pfründhaus (Pfarrhaus) in Oberboihingen – das im Volksmund "Hohentwiel" genannt wird, das aus dem Jahr 1467 stammt, ist das älteste Pfarrhaus und eines der bedeutendsten Fachwerkhäuser im Landkreis Esslingen. Der unter Denkmalschutz stehende "Hohentwiel" ist seit seiner Renovierung im Jahr 1984 das Schmuckstück der Oberboihinger Ortsmitte. Der "Hohentwiel" ist deshalb ein beliebtes Motiv für Fotografen und Künstler. Zahlreiche Künstler haben den Fachwerkveteran gemalt. Das hier abgebildete Foto ist ein Werk des Nürtinger Künstlers Otto Zondler.

Der Oberboihinger Heimatforscher Otto Haußmann hat sich Zeit seines Lebens intensiv mit der Geschichte der Gemeinde Oberboihingen und der Ahnenforschung alteingesessener Oberboihinger Familien beschäftigt. Unter anderem machte er sich auf Spurensuche, um herauszufinden, wo der Ursprung der Bezeichnung "Hohentwiel " liegt.
Aufgrund seiner Recherchen kommt Otto Haußmann zu folgender Deutung:

Über den Namen "Hohentwiel" wurde immer gerätselt. Im Oberboihinger Heimatbuch wurde der Name auf die erhöhte Lage am Hang und seine eigenartige schmale Bauweise zurückgeführt. Das dürfte wohl nicht stimmen, da es zu dieser Zeit noch mehr Gebäude in dieser Bauart gab. In keiner Urkunde wird das alte Pfründhaus als "Hohentwiel" bezeichnet und geführt. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Namensgebung aus dem Volksmund kommt.

Urkundlich geht aus dem alten Oberboihinger Steuerbuch hervor, dass das Pfründhaus im Jahr 1613 in Privathand überging, und zwar an den Bauer Michael Vogel, der 1635 in Nürtingen von den Kroaten ermordet wurde.
Bis zum Jahr 1932 blieb ein Teil des Hauses im Besitz der Familie Vogel. Die letzte Vogel-Besitzerin war die "Vogel-Rose" die am 10. Februar 1932 92jährig starb. Ihre Söhne waren Gustav und Albert, die den alten Oberboihingern noch bekannt sein dürften.

Somit haben acht Generationen der Familie "Vogel" das Pfründhaus zwischen 1613 und 1932 bewohnt. Ein Enkel des Erstbesitzers Michael Vogel, Johann Georg Vogel, Bauer und Waldschütz starb am 23. Januar 1758 als Bewohner des Pfründhauses. Seine Witwe Anna hat sich am 24. August 1758 nach Neckarhausen wieder verheiratet. Die hinterlassene Tochter Magdalene, geboren am 22. März 1741, blieb mit ihren Geschwistern in Oberboihingen. Am 15. Oktober 1768 bekam sie ein voreheliches Kind von Andreas Haußmann, Oberboihingen, damals herzoglicher Korporal in "Hohentwiel". Die Ehe schlossen sie am 5. August 1771 in Oberboihingen, also drei Jahre später.
Nach seiner Eheschließung 1771 übernahm Andreas Haußmann das achte Lehen (frühere Metzgerei Haußmann, Lamm, Unterboihinger Straße) von seinem Onkel Hans Michael Haußmann, Gerichtsverwandter in Oberboihingen, der als adeliger Jäger und Haus-Vogt nach Unterboihingen zu Freiherr von Thumb zog. Wenige Jahre später eröffnete er die Gassenwirtschaft, später Gasthaus Lamm benannt.
Magdalena Vogel bewohnte mit ihrem vorehelichen Sohn Ferdinand Ludwig das Pfründhaus. Da es zu dieser Zeit schon über 40 Familien "Haußmann" in Oberboihingen gab und fast alle einen Beinamen wie heute noch hatten, war der Andreas Haußmann der "Hohentwieler". Er hatte sich zudem schon vor der Geburt amtlich als Vater des vorehelichen Sohnes bekannt.
Es ist anzunehmen, dass er seinen Aufenthalt bei seiner Braut und seinem Sohn im Pfründhaus verbrachte. So wurde von dieser Zeit an das alte Pfründhaus im Volksmund der "Hohentwiel" genannt.
Also doch eine Ableitung von der berühmten Hohentwiel bei Singen.

Bartholomäuskirche

Foto der Bartholomäuskirche

Ein Campanile ... markiert die Ortsmitte von Oberboihingen. Es handelt sich um einen von ganz wenigen freistehenden Kirchtürmen im Bereich der Evangelischen Landeskirche Württemberg.
Der Grund für dieses Unikum in der Region ist nach den Forschungen der Heimatgeschichtler indes wohl eher praktischer denn künstlerischer Natur: Vermutlich gab es 1466 bei der Erhebung der damaligen Kapelle, die bis auf das 13. Jahrhundert zurückgehen könnte, zur Kirche Schwierigkeiten mit dem Gelände, so dass der Turm vom Gotteshaus abgerückt werden mußte. Wie dem auch sei: Einen „Hauch von Venedig“ hat Oberboihingen durch diesen „Kunstgriff“ erhalten, auch wenn der Dorfplatz natürlich sonst nicht mit dem berühmten Markusplatz in der Stadt der Dogen und Gondeln zu vergleichen ist.