Anschrift

Gemeinde Oberboihingen
Gemeinde Oberboihingen
Rathausgasse 3
72644 Oberboihingen
Telefon 07022 6000-0
Fax 07022 6000-70

Öffnungszeiten

08:00 - 12:00 Uhr (Mo - Fr)
16:00 - 18:00 Uhr (Di)
sowie nach Vereinbarung

Veranstaltungen

Eduard Mörike in Oberboihingen

1826 trat Eduard Mörike seine erste Vikariatsstelle im Hohentwiel in Oberboihingen an.

Seine berufliche Laufbahn begann der Dichter Eduard Mörike (1804-1875) in Oberboihingen.
Anfang Dezember 1826 machte Mörike für kurze Zeit Station in Oberboihingen und wohnte in diesen Tagen im Hohentwiel.

Der kurze Aufenthalt Mörikes in Oberboihingen markiert den Übergang von der Studienzeit ins Berufsleben. Während ihn die unbeschwerte Studienzeit immer wieder zum Schreiben und Dichten inspirierte, begann mit dem Antritt der ersten Vikarstelle in Oberboihingen eine Zeit, in der eine Fülle von Pflichten und Aufgaben zu erledigen waren, die nur wenig Raum für sein künstlerisches Schaffen ließen, was Mörike oft schwer belastete und ihn immer wieder zu Boden drückte. Die kurze Vikariatszeit in Oberboihingen war somit Ausgangspunkt für sein sehr bewegtes, wechselvolles Leben, in dem auf vorübergehende Phasen der Hochstimmung oft langanhaltende Phasen der Krankheit und Depression folgten.

Bild von Eduard Mörike

Mörike hatte Zeit seines Lebens damit zu kämpfen, die Balance zu halten und in dem für ihn schwierigen Spannungsfeld von Beruf und Berufung seinen Weg zu finden. Nach dem Besuch des Evangelischen Seminars in Urach, studierte Mörike Theologie im Tübinger Stift. Dort konnte er die ersten Früchte seines dichterischen Schaffens ernten. Für Mörike war dies eine harmonische Zeit, in der er das Studium und das Dichten miteinander in Einklang bringen konnte. Nachdem er im Herbst 1826 das theologische Examen mit mittelmäßigem Erfolg bestanden hatte, wurde er als Pfarrvikar nach Oberboihingen geschickt.
Eigentlich war Mörike aufgrund seiner ausgeprägten Begabung, sich intensiv in andere Menschen, in deren Lage und Probleme hineinzudenken und hineinzuversetzen, hervorragend für den Pfarrberuf geeignet. Dennoch bekannte er schon nach wenigen Tagen in einem Brief an einen Freund, daß ihn die Bürde des Amtes sehr belaste. Auf die Oberboihinger Tage folgten in raschem Wechsel die Stellen in Möhringen und Köngen. Schwer traf ihn der Tod seiner Lieblingsschwester Luise. Durch all diese Umstände steigerte sich sein Widerwillen gegen die Zwänge seines Amtes und er suchte mit Macht, sich davon zu befreien. Er spürte immer mehr, daß er im Amte seinen dichterischen Auftrag, den er immer als Berufung empfand, nur unzureichend erfüllen könnte und er zu wenig Raum und Zeit hatte, um seine Fähigkeiten und Neigungen in der Dichtkunst auszuleben. In „seinem Verdruß über das Predigtwesen“ gewannen die Gedanken an einen Berufswechsel immer mehr konkrete Gestalt. Er schien am Ziel seiner Wünsche, als er sich ein Jahr lang beurlauben ließ und als festbezahlter Mitarbeit in der Redaktion der „Damenzeitung“ im Verlag Brüder Franckh in Stuttgart beschäftigt war.
Doch bald spürte er, daß auch die journalistische bzw. schriftstellerische Tätigkeit gewisse Zwänge mit sich bringt, wenn man regelmäßige Beiträge liefern muß, so daß auch hier die Freiheit eingeschränkt ist. Und so kehrte er durchaus erleichtert im Jahr 1829 in sein Amt zurück und ging als Pfarrverweser nach Pflummern und Plattenhardt in der Absicht, für immer im Pfarramt zu bleiben und ein eigenständiges Pfarramt zu übernehmen. Nach weiteren Pfarrverweserstellen u. a. in Ochsenwang wurde er 1834 in der 600 Seelen-Gemeinde Cleversulzbach Pfarrer, wo er über 9 Jahre lang arbeitete bis er schließlich durchsetzte, daß er 1842 mit 39 Jahren in den Ruhestand versetzt wurde.

Von da an arbeitete er als freiberuflicher Schriftsteller, so wie er es sich immer gewünscht hatte. Neben diesem Spannungsfeld zwischen Beruf und Berufung wechselten ein Leben lang Höhen und Tiefen ab. Meist waren die Phasen der Gesundheit und des Glücks nur kurz. Wenn er dem Streß nicht mehr gewachsen war oder einfach genug hatte, flüchtete sich Mörike immer wieder in Krankheiten, die sich oft lange hinzogen. Trotz der langjährigen Forschung habe man bisher kein abschließendes Bild darüber gewinnen können, inwieweit organische Störungen ursächlich waren und unter welcher Krankheit Mörike litt. Es gab immer wieder Hinweise und Anzeichen dafür, daß sich Mörike dadurch versuchte, von dem Druck des Pfarramtes zu befreien, um wieder die Kraft für sein schöpferisches Tun zu gewinnen. Zu denken gab auch, daß sein Gesundheitszustand auch nach dem Eintritt in den Ruhestand nicht stabil wurde. Offensichtlich schadete ihm auch die dichterische, schriftstellerische Arbeit, die nun im Vordergrund stand, wenn sie ihn innerlich bewegte und aufwühlte und zeitlich sehr stark beanspruchte. Der sensible Mörike war offensichtlich längeren Belastungen und Dauerstress nicht gewachsen. Doch gerade dieser ständige Kampf Mörikes verlieh ihm vielleicht auch die Kraft, um als Dichter immer wieder Neues hervorzubringen, vor allem die vielen wunderschönen, gefühlvollen und romantischen, aber auch von christlichem Gedankengut durchdrungenen Gedichte, die wir von ihm kennen.